An(ge)dacht

500 Jahre Reformation  -  Wie bekomme ich ein gnädiges Leben?

Die Kernfrage, die Martin Luther vor 500 Jahren beschäftigte „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ hat ihn zu seiner reformatorischen Erkenntnis geführt, dass wir allein aus Gnade und allein durch den Glauben an Jesus Christus vor Gott gerechtfertigt sind und als Sünder von Gott ohne unser Tun angenommen sind. Diese Frage stellen sich heute nur noch wenige. Vielmehr geht es für viele Menschen darum, in einer gnadenlosen Welt vor sich selbst und vor anderen zu bestehen. Wie bekomme ich ein gnädiges Leben?

Oft habe ich den Eindruck, dass mein Leben überlastet ist. Ständig lebe ich im Defizit von nicht erledigten To-Do-Listen, nicht beantworteten E-Mails und verpassten Möglichkeiten. Ich habe das Gefühl, dass ich den vielen Anforderungen und unseren Mit-Menschen nicht gerecht werde. Wir leben in einer Gesellschaft, in der immer alles perfekter wird, die dem „höher, schneller, weiter und besser“ verfallen ist und in der sich jeder ständig selbst-optimieren muss. Diese Entwicklung hat bereits alle Lebensbereiche erfasst, auch die Freizeit, das Familienleben und die Partnerschaften, ja unser eigenes Denken und Empfinden. Wir müssen uns jeden Tag entscheiden zwischen tausend Möglichkeiten und die Wahl wird oft zur Qual, denn wir müssen uns rechtfertigen vor uns selber und vor anderen, warum wir uns für eine und gegen so viele andere Möglichkeiten entschieden haben. Wir leben in einer Multi-Optionsgesellschaft, in der wir alles wählen müssen, vom Partner, über Bildung und Beruf, Freizeit, Ernährung und Gesundheit bis hin zur Religion.

Gottes gnädigen und barmherzigen Blick auf mich und mein Leben neu zu entdecken und mich befreien zu lassen von dem ständigen Perfektionierungs-  und Rechtfertigungszwang, das wäre heute für mich die reformatorische Botschaft. Ich darf mit Gottes Blick auf mich und mein Leben zuerst auf das Gute schauen, das ich jeden Tag erlebe und das Gott in mich hineingelegt hat. Ich darf mit Gottes barmherzigen Blick auch auf alles schauen, was nicht perfekt ist in meinem Leben und darf es annehmen. Ich kann alle Entscheidungen immer wieder in Gottes Hände legen und vertrauen, dass Gott mich führt und leitet. Wenn ich auf Jesus Christus schaue, auf seine Botschaft und sein Leben, dann entdecke ich diese Barmherzigkeit und Gnade Gottes neu und kann neu lernen, aus der Gnade zu leben. Gott sei dank, nicht ich oder andere urteilen über mein Leben, sondern der barmherzige Gott, der mich unendlich treu und bedingungslos liebt!

Einen schönen Reformations-Sommer und -Herbst mit vielen befreienden Impulsen wünscht Ihnen

                                                            Ihre Ulrike Lorentz